Wie viele Probeklausuren sollte man vor dem Examen schreiben?
100 Klausuren vor dem Examen? Oder reichen 30? Was die Forschung sagt, was Repetitorien empfehlen — und was wirklich zählt.
"Schreib mindestens 100 Klausuren vor dem Examen." Das hört man von Hemmer, Alpmann und Co. so oft, dass es sich anfühlt wie ein Naturgesetz. Manche Repetitorien setzen sogar 150 an. Wer weniger schreibt, geht fahrlässig ins Examen — so die Botschaft.
Aber stimmt das? Oder ist die Zahl 100 einfach gut fürs Geschäft der Klausurenkursanbieter?
Es gibt tatsächlich empirische Daten zu dieser Frage. Und die Antwort ist überraschender, als die Repetitorien es gerne hätten.
Was die Forschung sagt: 0,03 Punkte pro Klausur
Die bislang beste empirische Untersuchung zur Frage kommt von Towfigh, Traxler und Glöckner, veröffentlicht in der Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft (ZDRW). Ihre zentrale Erkenntnis: Ein durchschnittlicher Kandidat verbessert sich pro geschriebener Klausur um rund 0,03 Punkte.
Das klingt nach wenig — und das ist es auch. Rechnen wir es durch:
- Nach 30 Klausuren: ca. 0,9 Punkte Verbesserung
- Nach 50 Klausuren: ca. 1,5 Punkte Verbesserung
- Nach 100 Klausuren: ca. 3,0 Punkte Verbesserung
Auf den ersten Blick spricht das für viele Klausuren. Aber der Effekt ist nicht linear. Die Studie zeigt, dass der Großteil der Verbesserung in den ersten 30 Klausuren passiert. Danach flacht die Kurve ab. Die wichtigsten Kompetenzen — Zeitmanagement, Schreibfluss, Strukturgefühl — haben sich nach 30 Klausuren eingeschliffen.
Die Autoren von endlich-jura.de formulieren es so: Nach 30 Probeklausuren stellt sich schlicht keine nennenswerte Verbesserung mehr ein, weil die wichtigsten Kompetenzen der Klausurtechnik sich nach dieser Anzahl längst eingeschliffen haben.
Warum empfehlen Repetitorien trotzdem 100+?
Das liegt an einem Denkfehler — oder, je nach Perspektive, an einem Geschäftsmodell.
Klausurenkurse verkaufen Klausuren. Je mehr du schreibst, desto länger bleibst du Kunde. Hemmer, Alpmann und Co. haben ein finanzielles Interesse daran, dass du so viele Klausuren wie möglich schreibst. Das heißt nicht, dass ihre Kurse schlecht sind — aber ihre Mengenempfehlungen sind nicht neutral.
Der zweite Grund ist psychologisch: Studierende verwechseln Quantität mit Sicherheit. 100 Klausuren geschrieben zu haben fühlt sich an wie eine Versicherung. Aber dieses Gefühl hat nichts mit der tatsächlichen Prüfungsleistung zu tun.
Die Uni Halle empfiehlt vor der Anmeldung zur staatlichen Pflichtfachprüfung mindestens 40 Übungsklausuren — deutlich weniger als die kommerziellen Anbieter. Die Akademie Kraatz differenziert nach Rechtsgebieten und betont, dass die Abdeckung aller Klausurtypen wichtiger ist als die Gesamtzahl.
Die eigentliche Frage: Was übst du beim Klausurenschreiben?
Wenn du 100 Klausuren schreibst, aber nie an deinen Schwächen arbeitest, verbesserst du dich kaum. Du festigst dann nur deine bestehenden Fehler.
Was du beim Klausurenschreiben tatsächlich trainierst:
1. Zeitmanagement Eine fünfstündige Klausur unter Zeitdruck zu schreiben ist eine eigene Fertigkeit. Die lernst du nur, indem du es tust — unter echten Bedingungen, mit Stoppuhr. Dafür brauchst du aber keine 100 Klausuren. Nach 15–20 Klausuren unter Realbedingungen hast du ein Gefühl dafür, wie du deine Zeit einteilst.
2. Schreibfluss und Formulierungsroutine Die ersten Klausuren fühlen sich an wie Schwimmen in Sirup. Jeder Obersatz kostet Überwindung, jede Definition muss mühsam formuliert werden. Nach 20–30 Klausuren geht das flüssiger. Ab dann ist der marginale Gewinn pro Klausur minimal.
3. Schwerpunktsetzung unter Druck Wissen, wo du lange schreiben musst und wo du abkürzen kannst — das lernst du durch Übung. Aber auch hier: Die Grundkompetenz bildet sich in den ersten 30 Klausuren. Danach verbesserst du dich nur noch, wenn du gezielt an erkannten Schwächen arbeitest.
4. Materielles Wissen anwenden Hier wird es interessant. Das Klausurenschreiben selbst ist eine schlechte Methode, um neues Wissen zu erwerben. Fünf Stunden Klausur schreiben plus Nachbereitung für ein Rechtsgebiet ist extrem zeitaufwändig. Dieselbe Zeit in gezielte Fallbearbeitung oder Lerngruppen investiert bringt mehr Wissensgewinn.
Was Top-Scorer anders machen
Die Prädikatsexamen-Quote liegt je nach Bundesland bei 15–20%. Was machen diese Kandidaten anders als der Rest?
Die Interviews und Erfahrungsberichte zeigen ein überraschendes Muster: Top-Scorer schreiben nicht unbedingt mehr Klausuren — aber sie arbeiten ihre Klausuren gründlicher nach.
Die Nachbereitung ist der entscheidende Unterschied:
- Schlechte Nachbereitung: Klausur abgeben, Note lesen, weglegen. "7 Punkte, passt schon."
- Gute Nachbereitung: Klausur abgeben, Korrekturanmerkungen einzeln durchgehen, jeden Fehler kategorisieren (Gutachtenstil-Fehler? Wissenslücke? Schwerpunkt falsch gesetzt?), gezielte Wiederholung der Schwachstellen.
Alpmann Schmidt hat in seinem Podcast Die Juraflüsterer betont, dass die Qualität der Klausurauswertung wichtiger ist als die Quantität. Wer 50 Klausuren schreibt und jede gründlich nachbereitet, ist besser vorbereitet als jemand, der 100 Klausuren schreibt und sie danach vergisst.
Die optimale Strategie: Qualität schlägt Quantität
Basierend auf der Forschung und den Erfahrungsberichten ergibt sich eine klare Strategie:
Phase 1: Grundkompetenz aufbauen (Klausur 1–30) Hier passiert der Großteil der Verbesserung. Schreib regelmäßig unter Realbedingungen — Zeitdruck, handschriftlich (wenn dein Bundesland das verlangt), ohne Hilfsmittel. Ziel: Zeitmanagement und Schreibfluss automatisieren.
Phase 2: Gezielt Schwächen bearbeiten (Klausur 30–50) Ab hier solltest du nicht mehr wahllos Klausuren schreiben. Identifiziere deine Schwachstellen aus der Korrektur der ersten 30 Klausuren. Hast du ein Problem mit BGB AT? Dann schreib gezielt BGB-AT-Klausuren. Ist dein Gutachtenstil unsauber? Dann konzentriere dich auf die Methodik, nicht auf neue Rechtsgebiete.
Phase 3: Prüfungssimulation (letzte 5–10 Klausuren) Kurz vor dem Examen: Vollständige Prüfungssimulationen unter echten Bedingungen. Sechs Klausuren in zehn Tagen — wie im echten Examen. Hier geht es nicht mehr um Lernen, sondern um Belastbarkeit und Routine.
Die Gesamtzahl? Irgendwo zwischen 40 und 60 ist der Sweet Spot für die meisten Kandidaten. Wer darüber hinausgeht, investiert Zeit, die in anderen Lernmethoden — Fallbearbeitung, Lerngruppen, gezielte Wiederholung — besser aufgehoben wäre.
Was wichtiger ist als die Anzahl
Drei Dinge machen mehr Unterschied als die Frage "30 oder 100":
1. Jede Klausurtype mindestens einmal geschrieben haben. Wenn du 80 Klausuren schreibst, aber keine einzige Kautelarklausur, hast du ein Problem. JurButler betont, dass die Abdeckung aller Klausurtypen deines Bundeslandes — Zivilrecht, Öffentliches Recht, Strafrecht, ggf. Europarecht — entscheidend ist. Lieber 40 Klausuren mit breiter Abdeckung als 100 Klausuren nur im Zivilrecht.
2. Echte Korrektur statt Selbstkontrolle. Eine Klausur ohne Korrektur ist wie Training ohne Spiegel. Du wiederholst deine Fehler, ohne sie zu erkennen. Investiere in Korrektur — ob Klausurenkurs, Lerngruppe oder KI-gestütztes Feedback.
3. Systematische Fehleranalyse. Führe eine Liste deiner Fehlermuster. Nach 20 Klausuren wirst du sehen, dass sich bestimmte Fehler wiederholen. Genau die musst du gezielt angehen. Das bringt mehr als zehn weitere Klausuren nach dem Gießkannenprinzip.
Das Fazit, das kein Repetitorium dir sagen wird
Die Empfehlung "100 Klausuren" ist nicht falsch — aber sie ist irreführend. Für die meisten Kandidaten liegt der optimale Bereich bei 40–60 gründlich nachbereiteten Klausuren. Wer danach noch Zeit hat, sollte sie nicht in weitere Klausuren investieren, sondern in die gezielte Bearbeitung seiner Schwächen.
Die Forschung ist eindeutig: Nach 30 Klausuren sind die grundlegenden Klausurkompetenzen aufgebaut. Alles danach ist Feinschliff — und Feinschliff funktioniert nur mit gezieltem Feedback, nicht mit Masse.
Schreib nicht mehr Klausuren. Schreib bessere.
Quellen: Towfigh/Traxler/Glöckner, Studie zur Verbesserung durch Probeklausuren, ZDRW; endlich-jura.de, Die 40-Stunden-Jura-Woche und 100 Probeklausuren; Universität Halle, Repetitorium und Klausurenkurs; Akademie Kraatz, Wie viele Klausuren solltest du schreiben; Alpmann Schmidt, Die Juraflüsterer Podcast; JurButler, Klausurenkursanbieter im Vergleich.